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 Die Nachfragen nach Natürlichen Geburten steigen wieder. Wo der Trend im letzten Jahrhundert eindeutig in Richtung medizinische Möglichkeiten ging, wünschen sich viele Frauen inzwischen wieder eine Natürliche Geburt. Doch was bedeutet es eigentlich, eine Natürliche Geburt zu erleben? Und was sind die Vorteile und was die Herausforderungendabei? Ist eine Natürliche Geburt auch im Krankenhaus möglich?

Was ist eine natürliche Geburt?​

Mit einer natürlichen Geburt ist eine spontane und vaginale Geburt gemeint. Sie steht also im Gegensatz zu einem Kaiserschnitt. Es können jedoch auch bei der vaginalen Geburt medizinische Eingriffe wie künstliche Geburtseinleitung, Schmerzmittel oder Dammschnitt zum Einsatz kommen. Es ist also nicht immer ganz eindeutig, was genau gemeint ist, wenn von einer Natürlichen Geburt die Rede ist. Meint man damit, dass es eine vaginale Geburt ohne Kaiserschnitt werden soll oder möchte man eine Geburt ganz ohne medizinische Eingriffe erleben? Per Definition ist es jedenfalls eine Natürliche Geburt, solange nur in absoluten Notfällen eingegriffen wird. Interventionen, die standardmäßig durchgeführt werden, ohne dass sie medizinisch absolut notwendig sind, stören also die Natürliche Geburt.

Natur vs. Medizin: ein Widerspruch?​

Im Idealfall greifen Natur und Medizin ineinander und ergänzen sich harmonisch. Doch nicht immer wird das auch so gelebt. Einerseits haben wir unserem heutigen, medizinischen Fortschritt sehr viel zu verdanken. Andererseits stellt sich dich Frage, ob eine Geburt im Normalfall überhaupt ein medizinisches Ereignis ist. Sollte die Medizin nicht vorrangig für Kranke, Verletzte und Notfälle da sein? Warum wird dann trotzdem sooft in die Geburt eingegriffen?

 

Die Geschichte der Geburt​

Dazu muss ich geschichtlich etwas ausholen. 3000 Jahre v. Chr. war die Geburt ein wahres Naturereignis und Frauen wurden als Schöpferinnen dafür gefeiert, dass sie mit ihrem Körper Leben schenken konnten. Doch im 2. Jahrhundert n. Chr.  hetzten fehlgeleitete Christen die Menschen gegen Frauen, Heilerinnen und Hebammen auf, da sie als „Verführerinnen“ galten (die sog. Hexenverbrennungen). Von da an war es Ärzten untersagt, einer Gebärenden zu helfen und viele Frauen (und Kinder) starben am Geburtsbett. Diese Entwicklung wurde glücklicherweise in den Jahren danach ganz langsam und allmählich wieder abgelöst. Doch was blieb war die Angst vor der Geburt und vor dem möglicherweise damit einhergehenden Tod. Diese Angst war mitunter dafür verantwortlich, dass die Geburt ein wahrlich schmerzhafter Akt war. Königin Victoria war die erste, der es gestattet wurde, Schmerzmittel zu bekommen (Ende des 18. Jahrhunderts). Und so verlagerte sich die Geburt von zuhause in das Krankenhaus und musste von Anästhesisten begleitet werden – medizinische Instrumente wie die Geburtszange kamen zum Einsatz um die betäubte Frau zu ent-binden.

Dieser Fortschritt hatte zur Folge, dass die Geburt mehr und mehr zum medizinischen Ereignis wurde. Anstatt selbstbestimmt zu gebären wurde die Frau nun von Ärzten entbunden. Der gesamte Prozess ließ sich so auch viel besser kontrollieren. Viele Eingriffe, die damals noch zur alltäglichen Routine gehörten, sind heute inzwischen völlig überholt, wie z.B. der standardmäßige Dammschnitt. Heute weiß man, dass der Damm zwar eventuell bei der Geburt reißen kann, jedoch meist an der dünnsten Stelle, sodass die Verletzung dann auch dementsprechend schnell wieder heilt.

 

Geburt als natürliches oder medizinisches Ereignis?​

Generell stellt sich also die fast schon philosophische Frage: ist Geburt ein natürliches oder ein medizinisches Ereignis? Ich denke, darauf gibt es keine allgemein gültige Antwort und  jede Frau kann das nur für sich selbst beantworten.

Vertrauen wir auf unseren Körper und auf die Natur oder wollen wir keinerlei Risiko eingehen (auch wenn es noch so klein ist) und uns für alle Eventualitäten durch die moderne Technik absichern? Oder wie Dr. Wolf Lüthje, Chefarzt vom Geburtszentrum am Amalie-Sieveking Krankenhaus in Hamburg, in einem Vortrag 2018 so schön sagte: „Ist unsere Vorsorge bzw. Geburtshilfe risikoorientiert oder chancenorientiert?“

 

Fakt ist, dass kürzlich (wieder) eine Studie bestätigt hat, dass Hausgeburten genauso sicher sind wie Klinikgeburten, obwohl (oder gerade deswegen, weil) dort wenig bis gar nicht eingegriffen werden kann. In vielen Fällen verläuft eine Hausgeburt sogar mit weniger Komplikationen. Das legt also nahe, dass eine natürliche Geburt mit vielen Vorteilen verbunden ist.

Beispiel: Ablauf einer Natürlichen Geburt zuhause​

Stell dir vor, du bist zuhause in deiner gewohnten und vertrauten Umgebung. Die Stimmung ist ruhig und das Licht ist gedämpft. Du fühlst dich sicher und geborgen. Die Geburtswellen kommen und gehen. Du atmest und gibst dich ganz dem Prozess hin, ganz in deinem Tempo. Niemand sagt dir, wie viel Zeit du noch hast. Dein Kind wird kommen, wann das genau sein wird, weiß niemand und ist auch nebensächlich. Du fühlst dich sicher mit der Unterstützung einer Hebamme und vielleicht sogar einer Doula an deiner Seite…

Das alles begünstigt eine ruhige und sichere Geburt und liegt sehr nahe an „der Natur“- von uns Menschen und allen anderen Säugetieren. Sie ziehen sich gerne in ihre dunkle Höhle zurück um dort ungestört ihre Jungen zu bekommen. Und auch uns gelingt so der Blick nach Innen am besten: wenn wir uns sicher und geborgen fühlen und nicht von Außen gestört werden.

Beispiel: Aktives Geburtsmanagement​

Die Realität in der heutigen, westlichen Welt kann allerdings eine echte Herausforderung für unseren Körper sein: grelles Licht, fremde Menschen, Hektik und medizinische Instrumente. Durch den plötzlichen Umgebungswechsel von zuhause in die Klinik lassen möglicherweise die Wellen nach und die Geburt zieht sich unnötig in die Länge.

 

Um das ganze zu Beschleunigen wird oftmals ein bißchen nachgeholfen und der Wehentropf kommt zum Einsatz. Die Wellen setzen wieder ein, jedoch so stark, dass Schmerzmittel, wie z.B. eine PDA, nötig sind. Die Frau kann sich unter Umständen nicht mehr richtig bewegen und muss von nun an liegen. Da sie nichts mehr spürt, kommen weitere Hilfsmittel zum Einsatz, um das Kind zur Welt zu bringen. Ein medizinischer Eingriff bedingt also den nächsten. 

 

Die Vorteile einer Natürlichen Geburt​

 

Wäre das alles zu verhindern gewesen, wenn gleich zu Beginn einfach abgewartet worden wäre anstatt den Wehentropf zu verabreichen? Mit großer Wahrscheinlichkeit. Ist der weibliche Körper im Stande, von ganz allein und aus eigener Kraft ein Kind auf die Welt zu bringen? In den meisten Fällen, ja. Können die meisten Komplikationen verhindert werden, wenn man der Natur einfach ihren Lauf ließe und der Frau mit Geduld, Zuversicht und viel Liebe beisteht? Sofern es dem Kind gut geht und es sich um keinen Notfall handelt – Ja.

 

Weil die Industriezeit uns die Illusion von Gewissheit vorgaukelt (z.B. Flugzeuge, Meetings, Friseurtermine starten meist pünktlich) setzen wir uns selbst unter Druck und stülpen die Normen der Industriezeit auch den biologischen Prozessen in unserem Körper über. Als biologische Wesen leben wir aber in der sog. Hortikulturzeit – eine abhängige Zeit, die sich in länger verlaufenden Bögen an natürlichen Zyklen orientiert. Darum lässt sich auch die Geburt weder planen noch kontrollieren. Etwas, das für uns rational denkende Wesen schwer zu akzeptieren ist.

 

Gebären ist ein echter Prozess mit einem ganz eigenen Rhythmus, und der ist größer als wir. Wir können uns diesem Rhythmus überlassen und uns von ihm tragen lassen.

 

Natürliche Geburt in der Klinik – ist das möglich?​

 

Wie können wir es nun schaffen, die Vorteile der Natürlichen Geburt mit denen der modernen Medizin zu vereinen?Zum einen halte ich es für sehr wichtig, dass die Schwangere den für sie geeigneten Geburtsort sorgfältig auswählt.Das bedeutet, dass sie im Idealfall einen Ort findet, an dem ihr der Blick nach Innen gelingen und sie sich voll und ganz dem Geburtsprozess hingeben kann. Mit Menschen, denen sie voll und ganz vertrauen kann. Wenn die Schwangere ein Team an ihrer Seite hat, das ihre Wünsche respektiert und die Natürliche Geburt ebenfalls unterstützt. So kann sich die Frau fallen lassen und sich sicher und geborgen fühlen. Denn falls es nötig sein sollte, hat sie die medizinische Unterstützung an ihrer Seite und es kann sofort gehandelt werden.

 

Grundvoraussetzung ist in vielen Fällen, dass die Schwangere gut vorbereitet in die Geburt geht. Dass sie weiß, was alles zu erwarten ist. Und, dass sie sich ihrer Geburtspräferenzen im Klaren ist und diese auch kommuniziert.

Wunsch vs. Erwartung​

 

Wichtig ist in dem Zusammenhang aber auch, dass du dich nicht zu sehr an den Wunsch nach einer Natürlichen Geburt klammerst. Wenn es die Umstände erfordern und das Klinikpersonal handeln muss, solltest du das genauso annehmen und als natürlichen Verlauf integrieren. Es macht eben eine Unterscheid, ob die Medizin aus Routine eingreift, oder um ein Menschenleben zu retten.

 

Ich möchte gerne mit einem Zitat abschließen von der amerikanischen Gynäkologin und Autorin Dr. med. Christiane Northrup aus ihrem Buch Frauenkörper, Frauenweisheit: „Wenn genügend Frauen erkennen, dass die Geburt eine großartige Möglichkeit ist, Kontakt zu ihrer weiblichen Macht zu bekommen, und dafür die Verantwortung übernehmen, können wir die Macht des Gebärens wieder einfordern und der Technik den Platz zuweisen, der ihr gebührt: nicht den der Herrscherin, sondern der einer Dienerin der Gebärenden.“

 

Fazit​

 

Die Natürliche Geburt hat viele Vorteile, die wir bewusst für uns nutzen können. Trotzdem sollten wir uns nicht unnötig unter Druck setzen, eine Natürliche Geburt erzwingen zu wollen, weil genau das wiederum die Natürliche Geburt stören kann.

 

Die moderne Technik kann und soll uns unterstützen, sofern dies medizinisch notwendig ist. Inwiefern wir darüber hinaus in die Natur eingreifen wollen, bleibt letztendlich der Gebärenden überlassen. Eltern sollen soweit wie möglich an allen Stadien der Schwangerschaft und Geburt beteiligt werden und eigenverantwortlich und selbstbestimmt handeln.

 

Wie stehst du zu dem Thema Natürliche Geburt? Teile deine Meinung gern mit mir und den anderen Leserinnen – ich bin sehr gespannt darauf!

 

Quellennachweis: